Helfen Präparate aus Ginkgo gegen Tinnitus?

Mit Ginkgo den Ohrgeräuschen trotzen

„Tinnitus: Volkskrankheit ohne wirksames Arzneimittel“ oder „Ginkgo bei Tinnitus – vergessen Sie es einfach“, Schlagzeilen dieser Tonalität finden sich viele in den Medien. Dennoch sind und bleiben Ginkgo-Präparate grüner Verkaufsschlager zur Behandlung von Ohrgeräuschen. Wie ist es denn nun eigentlich um ihre Wirksamkeit bei Tinnitus bestellt?

Ginkgo als pflanzliches Arzneimittel

Die Kommission E, ein Sachverständigenrat für pflanzliche Wirkstoffe in Deutschland, empfiehlt Ginkgo biloba-Extrakt zur Behandlung von Tinnitus. Dieser fördert die Durchblutung im Bereich der kleinen Blutgefäße, wie sie im Innenohr vorkommen. Zudem verbessert Ginkgo biloba die Fließeigenschaften des Blutes. Ohrgeräusche, die auf Durchblutungsstörungen des Innenohrs beruhen, könnten durch die Einnahme der Extrakte positiv beeinflusst werden.

Tinnitus als negativer Lernprozess

Neuere Forschungen ergaben eine andere Ursache für das Volksleiden Tinnitus. Die Ohrgeräusche sind meist subjektiv und werden nur vom Betroffenen gehört. Ihr Ursprung liegt in einer mangelnden Anpassung der Hörbahn nach einem Ereignis wie einem Hörsturz oder einer anderen Schädigung der sensiblen Hörzellen. Auch reiner Stress kann vorübergehend zu einem merkwürdigen Klingeln, Pfeifen oder Rauschen im Ohr führen. Dieser „Trigger“ (Reiz) hinterlässt bei manchen Menschen einen bleibenden Eindruck auf der Hörbahn. Sie liegt im Gehirn eignet sich, konzentriert man sich zu sehr darauf, das Geräusch gewissermaßen an. Nun saust und braust das Signal ständig auf der Hörbahn entlang und wem es nicht von allein gelingt es zu „verlernen“, den quält es manchmal über viele Jahre hinweg.

Ginkgo biloba-Wirkungen beim Lernen

Einige wenige Substanzen können die Wandlungsfähigkeit von Nervenzellen (neuronale Plastizität) unterstützen. Zu ihnen gehört auch der Ginkgo biloba-Extrakt. Dass dieser das Lernen fördern kann, konnte in Tiermodellen nachgewiesen werden. Indem sich Nervenbahnen im Gehirn an ihren Schaltstellen, den Synapsen, neu verknüpfen kann ein neues Programm gelernt werden. Dass Ginkgo biloba-Extrakt Einfluss auf die Wandlungsfähigkeit der Gehirnzellen nimmt, erklärt nicht nur wie er beim Lernen helfen kann. Der Extrakt kann in Kombination mit Verhaltenstherapie helfen, den Tinnitus zu „verlernen“. In diesem Verlernen besteht der neueste und derzeit empfohlene Ansatz zur Behandlung von Tinnitus. Aufgrund von antioxidativen und „neuroprotektiven“ Eigenschaften schützt Ginkgo biloba zusätzlich die Hörzellen der sensiblen Hörschnecke im Innenohr.

Studien zu Ginkgo biloba-Extrakt bei Tinnitus

Die Studienlage zu Ginkgo bei Tinnitus ist durchwachsen. Die Unterschiedlichen Ginkgo-Spezialextrakte liefern in wissenschaftlichen Studien unterschiedliche Ergebnisse.
In acht großen kontrollierten klinischen Studien mit dem ursprünglichen Ginkgo Spezialextrakt (EGb 761) ergab sich eine deutliche Besserung der Tinnitus-Symptome und Belastung unter Einnahme von Ginkgo biloba-Tabletten (Holstein, 2000, aus: Schilcher et al. 2010) im Vergleich zu einem Placebo (Tabletten ohne Wirkstoff). Nebenwirkungen traten nicht auf. Andere Studien mit anderen Ginkgo-Extrakten wiederum brachten geringe bis gar keine Ergebnisse für die Tinnitusbehandlung.

Man sollte also sehr vorsichtig sein, welches Ginkgo-Präparat man auswählt, um den Tinnitus zu „verlernen“: Ginkgo-Tabletten von manchen Herstellern sind gut untersucht und in der Praxis erprobt, andere weniger gut oder gar nicht.

Geschrieben von Morgana Hack, Ärztin