Ginkgo zur Demenzprävention

Wirkt es oder nicht? Aktuelle Studien geben Hoffnung
Kein anderes Medikament aus der modernen Kräuterheilkunde ist heute besser erforscht als der Extrakt aus den Blättern des Ginkgo biloba. Vor allem bei Leistungsstörungen des Gehirns hoffen viele Menschen auf die Wirkung der Heilpflanze, denn eine verlässliche schulmedizinische Vorbeugung oder Ursachenbehandlung von Demenzerkrankungen und Vergesslichkeit im Alter gibt es bislang nicht. Wer mit dem Gedanken spielt, die Selbstmedikation mit Ginkgo-Präparaten auszuprobieren, stößt aber gerade im Internet auf einen dichten, oft widersprüchlichen Informationsdschungel.

Widersprüchliche Studienlandschaft

Woran liegt es also, dass die Diskussion über die Wirkung von Ginkgo-Präparaten so kontrovers geführt wird? Zum einen ist dafür natürlich die Qualität der untersuchten Produkte verantwortlich – ausschließlich Präparate mit anerkannten Ginkgo-Spezialextrakten wie EGb 761 oder LI 370 sind als pflanzliche Heilmittel zugelassen. Die exakte Zusammensetzung ihrer Inhaltsstoffe ist etwa im Deutschen Arzneibuch festgelegt. Entsprechend führen Untersuchungen abweichender Präparate kaum zu brauchbaren Ergebnissen. Die Studienlandschaft, die sich ausschließlich mit legitimen Ginkgo-Medikamenten beschäftigt, erscheint dagegen sehr viel übersichtlicher – und positiver in den Resultaten. Darüber hinaus darf die wissenschaftliche Relevanz einiger Forschungsarbeit in Zweifel gezogen werden, sei es aufgrund viel zu kleiner Probandenzahlen oder fehlender statistischer Signifikanz.

Die GuidAge-Studie

So erging es auch der französischen GuidAge-Studie, in die so mancher Ginkgo-Forscher große Hoffnungen gesetzt hatte. 2010 wurden die ersten Ergebnisse der groß angelegten doppelblinden und randomisierten (nach wissenschaftlichen Kriterien) aufgebauten Studie veröffentlicht. Über einen Zeitraum von fünf Jahren hatte man insgesamt 2.854 Menschen hinsichtlich der Entwicklung von Alzheimer-Demenz beobachtet. Zu Studienbeginn betrug das Durchschnittsalter der Teilnehmer, die alle unter beginnenden Gedächtnisproblemen litten, 76,3 Jahre. Die Hälfte der Testpersonen erhielt Ginkgo biloba-Extrakt EGb 761, die andere Hälfte ein Placebo. Zwei große Probleme stellten sich ein: Etwa ein Drittel der Teilnehmer schied frühzeitig aus der Studie aus und die tatsächliche Alzheimer-Erkrankungsrate lag weit unter der Prognose. Die unerwartet geringe Zahl der Demenzkranken unter den Teilnehmern führte schließlich zu einem Ergebnis, das keine statistische Beweiskraft hatte. Als sich die Forscher allerdings in der Auswertung auf die Probanden beschränkten, die mindestens vier Jahre an der Studie teilgenommen hatten, ergab sich ein anderes Bild: Das Risiko, Alzheimer-Demenz zu entwickeln, hatte sich unter der Einnahme von Ginkgo biloba-Extrakt halbiert. Die Pflanze könnte also tatsächlich zur Alzheimer-Vorbeugung geeignet sein.

Die PAQUID-Studie

Hoffnung macht eine Langzeitstudie der Universität Bordeaux, deren erste Ergebnisse in diesem Jahr veröffentlicht wurden: Für die PAQUID-Studie (Personnes Agées Quid = „Was ist mit den Älteren“) wurden seit 1988 fast 3800 Menschen über 65 Jahren auf ihre geistige Leistungsfähigkeit überprüft. Dabei handelt es sich um das erste Forschungsprojekt zum Thema Demenz, dass sich über einen solchen Zeitraum erstreckt – aufgrund des langsamen Voranschreitens der Krankheit hat sie daher eine besondere Aussagekraft. Im Lauf von 20 Jahren entwickelten mehr als 800 Menschen unter den Studienteilnehmern eine Demenz. Die Personen hingegen, die langfristig Ginkgo-Spezialextrakt EGb 761 eingenommen hatten, wiesen eine signifikant geringere Erkrankungsrate auf.

Stichwort Neuroplastizität: Aktuelles aus der Ginkgo-Forschung

Natürlich wird in der Forschung daher nun auch der mögliche Wirkmechanismus von Ginkgo biloba bei der Demenzvorbeuge unter die Lupe genommen. Dabei wurden die Ursachen für Alzheimer-Demenz lange im „beta-Amyloid“ gesucht: Ablagerungen im Gehirn, die bei Demenzkranken auftreten. Heute gilt vornehmlich Stress durch Sauerstoffradikale als ursächlich für Zellalterung. Als neuronale Plastizität wird die Lernfähigkeit des Gehirns bezeichnet, das Vermögen sich anzupassen. Diese Fähigkeit geht mit zunehmender Zellalterung verloren. Ginkgo biloba-Extrakt kann dem anscheinend vorbeugen, indem es die „Zellkraftwerke“, die Mitochondrien, schützt.
Daher gehen Wissenschaftler heute davon aus, dass Ginkgo biloba-Extrakt demenzbedingtem Abbau der geistigen Leistung vorbeugen kann.

Geschrieben von © Morgana Hack, Ärztin