Ginkgo in Mythologie und Kunst

Ginkgo biloba – Kunstmotiv oder Kultobjekt?
Nicht erst seit Goethe ist Ginkgo biloba ein begehrtes Motiv der schönen Künste. Denn schon im alten China und Asien ist der Urbaum der Menschheitsgeschichte Symbol für Yin und Yang, für weibliche und männliche Energien im Kosmos, die eine Einheit darstellen. Diese mythologische Bedeutung verdankt er seiner Zweihäusigkeit, dem Vorkommen von weiblichen und männlichen Bäumen, und seiner zweilappigen Blattform.

Davon handelt auch das alte japanisches Märchen „Sakura und der Ginkgobaum“. Im Märchen wohnt ein junges Mädchen namens Sakura und ein alter Mann am Fuße eines Ginkgobaums. Mit der Pubertät lernt Sakura das Flötenspiel und spielt für einen wunderschönen Jungen. Als dieser zum Mann wird, gehen beide gemeinsam in den Ginkgobaum hinein, mit dem sie verschmelzen. Sakura wird als „Nymphe vom Ginkgobaum“ verehrt, und der alte Mann verlässt die Szene. Im Märchen verschmelzen weibliche und männliche Energien zu einem Ganzen. Wie im Yin und Yang Symbol ist in jedem weiblichen ein männlicher Teil enthalten und umgekehrt.

Im Ginkgo Museum zu Weimar findet man unter den Ausstellungsstücken eine kleine Kuriosität: mit chinesischen Tierkreiszeichen bunt bemalte Ginkgo Samen. Diese wurden von einem japanischen „Itcho-Shi“ (übersetzt: „Ginkgo-Meister“) in einer uralten japanischen Tradition handbemalt. Doch Ginkgo biloba, der als Tempelbaum eine jahrtausendealte Tradition hat, wurde in China und Japan erst spät als Kunstmotiv entdeckt. Seit dem 17./18. Jahrhundert ist das fächerförmige Ginkgoblatt ein beliebtes Gestaltungsmotiv auf Schnitzereien, Vasen, Kimonos, Schmuck sowie Kämmen und Haarnadeln von Geishas. Sogar der Helm eines Samurai wurde mit dem Ginkgoblatt geschmückt.

Art Nouveau

In Europa entdeckte ihn erst die „Art Nouveau“, der französische und deutsche Jugendstil des 20. Jahrhunderts als Kunstmotiv. Die charakteristischen Ginkgoblätter umrahmen seitdem vielfältige Kunstschmiedearbeiten des Jugendstil wie Fensterrahmen und Treppengeländer, oder Häuserfassaden. Immer mehr Keramik-, Glas- und Schmuckdesign wurde mit dem Ginkgomotiv entworfen.

Heute wie damals ist der Ginkgo Baum Mahnmal für Frieden und Vernunft. Seit dem er die Atombombenexplosion in Hiroshima nur 800 Meter vom Epizentrum der Explosion entfernt überlebte, ist er mehr denn je in der modernen Welt Hoffnungsträger für eine Welt ohne Kriege und Gewalt. Heute prägt das Ginkgoblatt als Logo der Stadtverwaltung und der U-Bahn das Stadtbild von Tokyo nachhaltig.

Joseph Beuys – Holzrelief von 1949

Zeitgenössische Künstler wie Joseph Beuys der viel mit Bäumen experimentierte widmeten sich dem „Gingko“ (Beuys „Gingko“ Holzrelief von 1949). Für die in Japan geborene und seit 1976 in Deutschland freischaffende Malerin Atsuko Kato ist der Ginkgo Zentrum ihres künstlerischen Schaffens. Wie Goethe inspiriert sie das Ginkgoblatt als Zweiheit in der Einheit und als Symbol für Leben und Frieden.

Doch eine Frage tut sich dem Reisenden auf: wohin mag der Kult um den Ginkgobaum führen, und verdient nicht längst die Konsumindustrie mehr an Ginkgo biloba als die Künstlerszene oder die Medizinwissenschaft? Denn in ganz Südostasien und im deutschen Weimar gibt es einen ausgeprägten Kult um den Ginkgobaum, dessen fächerförmige Blätter nun auch als Motiv auf zahlreichen Souvenirs und kleingeschnitten in vielfältigen Teemischungen für den Hausgebrauch sowie in Tiegeln und Töpfen der Kosmetikindustrie landen.

Der Goethebaum als Kunstmotiv

Ob als Kunstmotiv, als „Goethebaum“, als Souvenir, als beliebtes Logo oder in der Landschaftsarchitektur: neben seiner Bedeutung als Heilpflanze prägt Ginkgo biloba heute wie kein anderer Baum das Gesicht unserer Welt.

Geschrieben von © Morgana Hack, Ärztin