Geschichte des Ginkgo biloba

Ein Tempelbaum reist von Ost nach West
heilpflanze
Reist man heute in die Fremde, so wird der aufmerksam Reisende in dieser Welt immer wieder eine Konstante entdecken: den Ginkgobaum, der die Alleen und Parkanlagen der Metropolen dieser Welt wie Berlin, Frankfurt, Tokyo und New York mit seiner einzigartigen Blattform schmückt. War das schon immer so? Ja und nein, so könnte die Antwort lauten.

Denn die Ginkgo biloba Geschichte beginnt schon im Mesozoikum, das vor 250 Millionen Jahren begann. Damals waren Ginkgogewächse aus 20 Gattungen auf allen Kontinenten verbreitet. Seit dem Ende der Eiszeit kam Ginkgo biloba nurmehr in Südchina vor, als einziger Überlebender aus der Ginkgogewächse.

Als Heilpflanze ist Ginkgo biloba seit dem 2. Jh. n. Chr. bekannt. Damals wurden seine Blätter in der chinesischen Volksmedizin verwendet, bei vielfältigen Leiden von Asthma bis Schwindsucht oder in der Wundheilung. Auch die Traditionelle Chinesische Medizin beschrieb die Heilpflanze Ginkgo biloba, doch kamen hier die Ginkgo biloba Samen zur Anwendung.

Die Bedeutung von Ginkgo biloba geht jedoch weit über die Verwendung als Heilpflanze und weit über Südchina hinaus, das Gebiet in welchem der Ginkgobaum die Eiszeit überlebte.

In der Sung Periode im China des 11. Jahrhunderts war der Ginkgo biloba Glücksbringer und Symbol für Yin und Yang, in der chinesischen Philosophie und Medizin die weiblichen und männlichen Kräfte. Die zweilappige Blattform und seine Zweihäusigkeit (weibliche und männliche Bäume) gaben Ginkgo biloba diese besondere Bedeutung und machten ihn zum Tempelbaum. Buddhistische Mönche kauten gern die Blätter vom Ginkgobaum neben ihrem Tempel, um sich bis ins hohe Alter geistig fit zu halten.

Ginkgoblätter

Sie galten zeitweilig sogar als Zahlungsmittel und Ginkgo biloba Samen wurden im 11. Jahrhundert auch als Tribut für den chinesischen Kaiser in die damalige Hauptstadt Kaifeng geliefert. Später fand dort auch Kultivierung und Anbau von Ginkgobäumen statt. Seit jeher gilt der Ginkgobaum in China als Sinnbild für ein langes Leben und erfährt eine hohe Wertschätzung.

Über Korea gelangte Ginkgo biloba im 11. Jahrhundert nach Japan und auch dort wurde der Ginkgobaum als Tempelbaum angepflanzt und verehrt. Sein damaliger Name Gin Kyo bedeutet Silberaprikose (Gin = Silber, Kyo = Frucht) und entstand in Japan aus einem ursprünglich chinesischen Wort. In China und Japan sind die Ginkgo biloba Samen nach wie vor ein beliebtes und edles Nahrungsmittel.

Lange war Ginkgo biloba in Europa gänzlich unbekannt, bis ihn ein deutscher Arzt, Engelbert Kaempfer Ende des 17. Jahrhunderts in Japan entdeckte. 1691/92, während seiner zweijährigen Forschungsreise in Japan beschrieb Kaempfer das erste Mal den Ginkgobaum für die westliche Welt in seinem Werk „Amoenitatum exoticarum“. Damals waren Ärzte noch zugleich Botaniker, so dass Kaempfer sich fasziniert auf seine Entdeckung stürzte und sie erforschte. Es wird sogar berichtet dass er selbst Ginkgo biloba Samen in seiner Tasche aus Japan schmuggelte, worauf damals die Todesstrafe stand.

Ein Schreibfehler prägte die Pflanze

Beim Namen unterlief Kaempfer jedoch ein Schreibfehler mit weitreichenden Folgen. Statt „Ginkyo“ schrieb er „Ginkgo“. Dieser Name wurde von dem Evolutionsforscher Carl von Linné zur Klassifizierung übernommen. Später wollte man den Schreibfehler korrigieren. Da „Ginkgo biloba“ jedoch schon einen festen Platz in der Pflanzensystematik hatte, erlaubte die botanische Bürokratie unter großem Protest keine nachträgliche Korrektur. Auch ein alternativer Name, „Salisburia“ konnte sich nicht durchsetzen.

Ginkgo biloba kam nicht durch Kaempfer, aber dennoch über Samenraub von Japan nach Europa. Der älteste Ginkgo Baum in Deutschland wurde vermutlich 1750 in Frankfurt gepflanzt. In Deutschland erlangte der Ginkgobaum und besonders das zweilappige Ginkgoblatt große Bedeutung durch Johann Wolfgang von Goethe, der seiner Geliebten Marianne von Willemer 1815 das Gedicht „Ginkgo biloba“ widmete, das in seinem „West-östlichen Divan“ veröffentlicht wurde. So gewann Ginkgo biloba Bedeutung in der europäischen Literatur, Kunst und Kultur als Symbol für weibliche und männliche Kräfte.

Damals war der Ginkgobaum noch eine Rarität. Im Laufe eines Jahrhunderts setzte er sich immer mehr als Park- und Aleenbaum durch. Hervorzuheben sind das Schloss Belvedere in Weimar und der Bergpark in Kassel-Wilhelmshöhe mit schönen alten Ginkgobäumen.

Auch aus Japan gab es Neuigkeiten: Nachdem in Hiroshima am 6. August 1945 eine Atombombe explodierte, trieb im Frühjahr 1946 ein Ginkgobaum neu aus – und das so nah am Epizentrum der Explosion, aus einem völlig verkohlten Baumstumpf, neben einem komplett zerstörten Tempel!

Heute noch ist das Ginkgoblatt Wahrzeichen der Stadt Tokyo und beliebtes Symbol vieler großer japanischer Firmen. Sein neo-japanischer Name lautet „icho“, was Entenfuß heißt und ebenfalls auf die Blattform anspielt. Auch die Goethestadt Weimar hat das Ginkgoblatt als ihr Symbol entdeckt und beherbergt ein liebevoll und umfangreich gestaltetes Ginkgomuseum.

Geschrieben von © Morgana Hack, Ärztin