Was hat Goethe mit Ginkgo biloba zu tun?

Die Einheit in der Zweiheit – das Symbol des Ginkgoblatts
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), der deutsche Dichter und Naturforscher war es, der den Ginkgobaum hierzulande berühmt machte. In seinem Gedichtband „West-östlicher Divan“ veröffentlichte Goethe das Gedicht „Ginkgo biloba“:

Dieses Baums Blatt, der, von Osten,
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie‘s den Wissenden erbaut.

Ist es Ein lebendig Wesen?
Das sich in sich selbst getrennt;
Sind es Zwei? Die sich erlesen,
Daß man sie als Eines kennt.

Solche Fragen zu erwidern
Fand ich wohl den rechten Sinn;
Fühlst Du nicht an meinen Liedern,
Daß ich Eins und doppelt bin?

Dieses Gedicht allein machte den Ginkgobaum und seine Symbolkraft so bekannt wie keinen zweiten fernöstlichen Baum in unserer westlichen Welt. Aus ihm spricht Goethes tieferes Verständnis für die mythischen Kräfte der Natur, so wie seine Beschäftigung mit orientalischer Kultur. Besonders fasziniert war Goethe vom persischen Dichter Hafis, dessen „Diwan“ Goethe zu seinem Gedichtzyklus „West-östlicher Divan“ inspirierte.

Im zweilappigen Blatt des Ginkgo sah Goethe die zwei (weiblichen und männlichen) Kräfte der Natur miteinander verschmelzen, oder aber die Zweiheit aus der Einheit heraus wachsen. Der damals 66-jährige Goethe widmete das Ginkgo Gedicht der 31-jährigen verheirateten Marianne von Willemer, mit welcher ihn eine tiefe Liebe verband. Goethe‘s Ginkgo Gedicht ist im Buch „Suleika“ des „West-östlichen Divan“ enthalten, in dem Hatem und Suleika in Dialog stehen und die Seelenverwandtschaft zwischen Johann Wolfgang von Goethe und Marianne von Willemer verkörpern.

Goethe‘s Gedicht „Ginkgo biloba“

Dieses Gedicht entstand im September 1815, als Goethe während einer Kur in Wiesbaden zu Besuch bei seinen Freunden, dem Ehepaar Johann und Marianne von Willemer in Frankfurt und in der Gerbermühle vorbeikam. Bei einem dieser Besuche brachte Goethe Marianne ein Ginkgoblatt mit und einen ersten Teil des Gedichts. Es entstand zwischen beiden ein reger Austausch an Dichtkunst und Briefen, der sogar in der Mitautorschaft von Gedichten von Marianne von Willemer im „West-östlichen Divan“ mündete. Diese Frau brachte Goethe nicht nur Inspiration; ihre beidseitige tiefen Gefühle führten letztendlich dazu dass Goethe flüchtete bevor es zu einem Verhältnis kommen konnte. Ihre Liebe bleibt jedoch in Goethes Dichtkunst verewigt, dem Gedicht vom Ginkgoblatt als „Eins und doppelt“.

Wie entdeckte Goethe überhaupt den Ginkgobaum?

Als Naturforscher und beschäftigte er sich neben der Dichtkunst mit Botanik und Gartenkunde. Zu Lebzeiten Goethes war es unter den Adeligen ein beliebtes Hobby, Pflanzen ferner Länder zu importieren und hierzulande zu züchten. So brachte sich Goethe ein in die Aufzucht von Ginkgobäumen in herrlichen Parkanlagen und Orangerien, wie im Schloss Belvedere zu Weimar.

Heute steht ein äußerst stattlicher „Goethebaum“, ein mehr als 200 Jahre alter Ginkgobaum im botanischen Garten zu Jena; allein 90 große Ginkgobäume findet man in Weimar.

Als unvergessliches Symbol lebt Ginkgo biloba in der Goethestadt Weimar weiter. Selbst die Außenfassaden des Goethe- und Schillerhauses sind in den leuchtenden Farben des herbstlichen Ginkgo Laub gestrichen. Die Stadt Weimar beherbergt ein kleines aber feines Ginkgomuseum. Eine Originalfassung vom „Ginkgo biloba“ Goethe Gedicht mit aufgeklebten Ginkgo Blättern ist im Goethemuseum in Düsseldorf zu sehen.

Geschrieben von © Morgana Hack, Ärztin